|
Untitled yet Geschichte
* Prolog
Die Uhr zeigte zwei Uhr morgens und die Umgebung war in absolute Stille gehüllt. Hin und wieder hörte man den Lärm eines vorbeifahrenden Autos, aber mehr war das auch nicht. Es dauerte nicht einmal eine halbe Minute, da die Straße abgelegen und relativ ruhig war. Im fünften Stock des Wohnhauses, das derzeit dreizehn Familien beherbergte, lebte ein Mann. Alleine, ohne Frau, ohne Kinder, ohne Familie. Doch immer, wenn man ihn sah, trug er einen Ring auf seinem linken Ringfinger, was den Bewohnern schon immer ein wenig seltsam vorkam. "Wie geht es denn Ihrer Frau?", fragten sie ihn. Aber er antwortete nicht. Er schnaubte nur verachtend und im Bruchteil einer Sekunde erreichte der Lift den fünften Stock, wo er immerzu ausstieg, zu seiner Wohnungstür aus Mahagoni ging, den Schlüssel ins Schlüsselloch steckte, ihn hundertachtzig Grad gegen den Uhrzeigersinn drehte und seine Wohnung, ohne einen weiteren Blick nach hinten, betrat. Und hinter sich schloss er die Tür, die einen leichten Knall machte, weil die Scharniere recht massiv waren und nicht dafür gemacht waren, dass man die Tür ohne das Benutzen der Türklinke öffnete. Doch es schien diesen einen Mann nicht zu interessieren. Man traf ihn nur im Lift und das auch schon relativ selten. Er sprach nicht viel, mit niemandem. Doch vor allem bekam er niemals Besuch, nicht einmal Lärm machte er. Er trampelte nicht wie ein Hornochse, was die Wohnung leer wirken ließ. Besonders weil derjenige, der diese Wohnung vor diesem Mann bewohnte, ein altes Trampeltier war, das immer Fußball schaute - oft auch Wiederholungen - und den Fernseher - oder Computer, oder was auch immer - anbrüllte, um die Spieler zu berichtigen und ihnen anzuweisen, wie sie zu spielen hätten. Im Grunde nahm man nun nichts mehr wahr. Nur, dass dort eine Tür war, eine recht neue und teuer aussehende. Der fünfte Stock war wie leergefegt und niemand zog dort ein. Alle sind ausgezogen, äußerst deformiert meist. Sie brabbelten wirres Zeug, sprachen von Anomalien und ein paar, so munkelt man, wurden sogar in die Psychiatrie eingeliefert.
Allerdings kam bislang niemand hinter den Fluch des fünften Stockwerks. Aber was heißt denn schon Fluch? Reinster Humbug, wie die Bewohner stets beteuern. Doch war es dies wirklich? Oder war es die Handschrift von purem Irrglauben, die da aus den Menschen sprach?
* Chapter 1
Mrs Johnson, eine etwas ältere Frau im Alter von geschätzten fünfundsiebzig Jahren, kam gerade von ihrem morgendlichen Spaziergang, den sie montags immer machte. Sie war mittlerweile recht schwermütig geworden, da ihr Ehemann vor recht kurzer Zeit - nach ihrem Zeitgefühl - gestorben ist. Vor bald zwei Jahren. Morgen würden es genau zwei Jahre sein. Die Zeit war wie im Fluge gegangen, die Uhr ließ sich einfach nicht anhalten. Doch der Spaziergang, den sie früher mit ihrem Mann gemacht hatte, den setzte sie auch alleine fort. Sie fühlte sich in der frischen Luft nicht einsam, sie schwelgte eher in Erinnerungen. In den Erinnerungen, wie sie in jüngeren Jahren am alten Kastanienbaum vorbei gegangen war, mit ihrem Lebensgefährten. Es war in der Blüte ihres Lebens, wenn man so wollte. Sie war eine junge Frau gewesen, voller Elan, immerzu am recherchieren. Sie war Reporterin, Journalistin. Doch ihr Job nahm sie immer mehr mit, bis sie schließlich nicht mehr konnte. Ein Skandal nach dem anderen, Schlag auf Schlag. So etwas zehrt an den Nerven.
Mit schweren Schritten ging sie die wenigen drei Treppen in die Eingangshalle ihres Hauses, wo sie wie gewohnt den Lift vorfand. Es bedurfte nur ein paar wenige weitere Schritte, bis sie bei der Türe war und auch schon den Knopf gedrückt hatte, auf dessen Drücken der Lift ins Erdgeschoss kam. Der Rand des Knopfes leuchtete in grünem Licht, jedoch war es kein sonderlich grelles, sondern eher ein dunkleres, angenehmes. Mrs Johnson mochte diese Farbe, sie hatte etwas Beruhigendes an sich. Doch sie hatte nicht genug Zeit, um weiterhin darüber nachzudenken, denn der Lift kam schon und kündigte sich mit einer kleinen, heiteren Melodie an, die das Gemüt der älteren Frau sofort erhellte. Diese Melodie war ihr so vertraut. Für viele Jahre hatte sie diesen harmonischen Klang immer wieder und immer wieder vernommen. Wie die Zeit doch verging. Als wäre es erst gestern gewesen, als sie ihren letzten Knüller rausgebracht hatte. Ein Doppelmord. Recht raffiniert angestellt, doch grausam, wie man es sich nicht vorstellen konnte. Die Presse deckte selbstverständlich nur eine harmlosere Form davon auf, denn man wollte niemanden in Schock und Panik oder Entsetzen versetzen.
Ihre Füße trugen sie in den Lift und mit einer mühsamen Bewegung, drückte sie schließlich auf einen Knopf, der mit der Nummer Sieben beschriftet war. Auch dieser leuchtete in dem altbekannten Grünton, der in diesem Haus immer wieder zu finden war. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen und sie stützte sich wieder auf ihren Gehstock, den sie zur Sicherheit immer bei sich hatte, wenn sie sich auf eine Reise machte - selbst, wenn es nur die Reise von der Küche ins Wohnzimmer war. Man konnte ja nie vorsichtig genug sein. Der Lift verlangsamte sich, jedoch konnte er noch unmöglich das siebte Stockwerk erreicht haben. Die harmonische Melodie erklang und erfüllte die Stille des Liftes und des Korridors, den sie vor sich hatte, als sich die metallischen Flügeltüren automatisch öffneten. In diesem Teil des Hauses waren kaum Fenster und die Lampe blinkte schon seit ewigen Zeiten, da ihr das Neon ausgehen zu schien. Die Frau konnte trotz ihrer Brille kaum die Nummer an der Wand, die in Grau hinauf gepinselt war, erkennen. Das Flackern der Lampe machte es ihr allerdings auch nicht gerade einfach, in dieser Dunkelheit. Doch nach dem fünften Versuch gelang es ihr, eine Fünf zu entziffern. Vielleicht Ironie. Und vielleicht auch Ironie, dass die Beleuchtung nicht funktionierte. Es ging ja schon länger herum, dass dieses Stockwerk verflucht war. Allerdings ging dieses Gerücht an der älteren Frau einfach vorbei. Sie hatte genug von Geistergeschichten und genug von Skandalen - die Zeit des Journalismus war nun endgültig um. Es hatte keinen Zweck weiterhin irgendwo nachzuhaken, nur, um eine Story zu entdecken und groß rauszukommen. Nein, Mrs Johnson hatte diese Wettkämpfe um Ruhm, Ehre und die beste Story längst hinter sich gelassen. Und es war auch gut so. Seitdem dies der Vergangenheit angehörte, wurde alles besser.
Sie trat aus dem Lift, in den Schein des flackernden Lichts und stapfte zum Lichtschalter, den sie zwei Mal betätigte und hoffte, die Lampe würde nun wieder funktionieren oder eben auch nicht funktionieren. Hauptsache, sie hörte auf so nervend zu blinken. Aber nein, natürlich war das Schicksal nicht auf ihrer Seite, denn es nahm kein Ende und der Gang war nur für wenige Bruchteile einer Sekunde erleuchtet - wenn auch öfter in einer Sekunde. Doch die Frau beschäftigte sich nicht weiter mit dieser Lampe, es wurde langsam spät und sie wollte die Nachrichten heute auf keinen Fall verpassen. Eigentlich ging es ihr nur um den Wetterbericht und um ihre Lieblingsfernsehserie, die im Grunde ein sehr unrealistisches Drama war. Mit einem leichten Lächeln im Gesicht trugen ihre Füße sie wieder zurück zum Lift. Gerade als sie den Knopf drücken wollte, damit die Türe sich öffnete, vernahm sie ein leises Knarren hinter sich. Ohne zu zögern schloss sie die Augen und lauschte in die Stille. Nichts. Aber hier war etwas faul, dieses Gefühl ließ sie einfach nicht los. 'Nein, das liegt hinter mir', herrschte sie sich innerlich an. Doch sie konnte nicht leugnen, dass sie schon immer ein gutes Gespür für verdächtige Vorkommnisse gehabt hat. Entschlossen atmete sie aus und drehte sich langsam um. Nichts. Zumindest nicht bei schnellem Umschauen. Doch Mrs Johnson konnte es nicht lassen und sah näher hin, wollte der Sache auf den Grund gehen. Und tatsächlich: Die Tür der Wohnung des ungesprächigen Mannes aus dem fünften Stockwerk war nicht gänzlich geschlossen. Sie war angelehnt. Vielleicht nur ein Versehen, nichts weiter. Die Dame schüttelte den Kopf und trat auf die Tür zu, die sie anschließend langsam mit der Hand aufdrückte. Die Tür knarrte nicht. Dies war also nicht die Lärmquelle gewesen. "Mr Lewis?", sprach sie laut und deutlich, bekam jedoch keine Antwort. Er musste also fort sein. Sie konnte gar nicht anders, als sich in der Eingangshalle, die in diesem Fall eher die Rumpelkammer war, umzusehen. Es standen haufenweise Kartonschachteln herum, jede einzelne verschlossen, jedoch nicht mit Klebeband. Als wäre er gerade erst eingezogen oder kurz vorm Ausziehen, ging es ihr durch den Kopf. Mit einem schweren Schritt, der ihrer Hüfte ziemlich zusetzte, drang sie weiter in die Wohnung vor. "Mr Lewis?" Wieder keine Antwort. Sie war gerade dabei, sich wieder umzudrehen, als sie erneut das Knarren vernahm. Es kam aus dem Inneren der Wohnung. "Mr Lewis, hören Sie auf mit dem Schabernack, sie haben Ihre Tür offen gelassen!" Nichts. Absolut nichts. Nur eine bedrückende Stille. Eine unnatürliche Stille. Misstrauisch wandte sie sich zum Eingang in den nächsten Raum. Diese Tür war ebenfalls angelehnt, was eine neugierige Mathilda Johnson aber nicht davon abhielt, sich weiterhin umzusehen und im Endeffekt nach dem Rechten zu sehen. Wieder legte sie ihre Hand auf das Holz und drückte es mit ein wenig Kraftaufwand weg von sich, woraufhin sich die Tür langsam öffnete. Dies war nun das Wohnzimmer. Es war von Licht durchflutet, das sich auf dem Holzboden, der vermutlich aus Eichenholz bestand, spiegelte. Der Boden glänzte in voller Pracht, denn es waren keine Möbel da, um einen Schatten darauf zu werfen. Ein paar vereinzelte, kleine Tische standen in dem großen Raum, der im Moment eher einem Gewölbe ähnelte, doch mehr war dort nicht. Abgesehen von einem Stuhl. Es war ein Stuhl, wie ihn Männer gerne zum Fernsehen verwendeten. Groß, breit, mit Armlehnen und sehr gepolstert. Dazu hatte der Stoff des Sessels ein Streifenmuster in zarten Grüntönen, das wunderbar mit dem Parkettboden harmonierte.
Geschmack hatte er, das musste man ihm lassen. Wobei dies auch an dem wenigen Mobiliar liegen könnte. Sehr wahrscheinlich lag es an dieser Leere, die schon längst nicht mehr hier sein sollte. Er hatte nie so ausgesehen oder gewirkt, als würde er hier schnell verschwinden wollen. Oder hatte das Gerücht des Spukes ihn letztendlich auch erreicht? Womöglich war es aber auch nur die blinkende Lampe am Gang, die ihn zu Tode genervt hatte und ihn nun zum Ausziehen brachte. Wenn er meinte, dann sollte er doch. Aber die Leute würden reden. Sie würden sagen, der Fluch hätte wieder zugeschlagen. Dabei war es nur diese blöde Leuchte schuld. Mrs Johnson schüttelte leicht ihren Kopf, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können, und schritt an der Stuhllehne vorbei, bis sie schließlich auf die Vorderseite eben jenes Stuhles sehen konnte.
Voller Schrecken und Entsetzen weiteten sich ihre Augen. Sie konnte nicht fassen, nicht begreifen, was sie dort sah. Bestürzt wandte sie sich ab, drehte dem Stuhl den Rücken zu. Ihre Hände zitterten und sie begann leicht zu wanken. Warum? Wie konnte das denn sein? Sie wollte diesen Anblick keine Sekunde länger ertragen müssen. Er saß auf dem Stuhl. Ein kariertes Hemd zierte seinen Oberkörper und eine ordinäre, blaue Jeans, seinen Unterkörper. Es schien alles so gewöhnlich, so friedlich. Nur eines nicht, zwei kleine Tatsachen, die jeden Menschen schockten: Was einem wohl zuerst auffiel war, dass er gefesselt war. Mit stabilen Schnüren und Knoten so fest, dass man sie nicht mehr aufbekam. Er war so zugeschnürt, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Doch es kam noch schlimmer. Es war einfach grausam, unnatürlich. Wer machte so etwas? Und vor allem warum? Wieder wanderte ihr Blick zu dem leblosen Körper, zu seinem Kopf hinauf. Ihr Blick hielt bei dem Plastiksack inne, doch nur wenige Bruchteile einer Sekunde kniff sie die Augen zu. Nein, sie wollte nicht sehen, was mit seinem Gesicht, seinem Kopf passiert war. Er wurde kaltblütig ermordet. Er war an Luftmangel erstickt, hatte nur diesen Sack zum atmen. Unwissentlich drangen sich Tränen in ihre Augen und sie wurde diesen Anblick nicht mehr los, sie bekam ihn nicht mehr aus dem Kopf, nicht mehr aus den Gedanken. Mit zittrigen Bewegungen griff Mrs Johnson in ihre Jackentasche, wo sie ein Mobiltelefon ertastete. Instinktiv tippte sie blind die Nummer der Polizei ein. "Ich habe einen Mord zu melden."
Copyright und Urheberrecht des Textes liegt beim Autor. (Autor in Klammern angeben!)
|